Selbst-bestimmt statt Auto-matisch!

Max K. hat Albträume. Er wacht von Zeit zu Zeit nachts schweißgebadet auf und erinnert sich mit Schaudern an das soeben durchlebte: Max ist ein Gefangener. Wie in alten amerikanischen Gangsterfilmen trägt er einen gestreiften Anzug mit aufgenähter Nummer: M-VV 9916. Und um das rechte Fußgelenk ist eine Kette gelegt, die das Fortkommen schwer macht. Sehr schwer sogar. Mehr als eine Tonne Stahl, Kunststoff und Glas hängen am Kettenende. Sein eigenes Auto. Da wacht er auf.

Max K. ist kein Einzelfall. Früher glaubte er, auto-mobil zu sein. In Wirklichkeit hatte ihn sein Auto längst ziemlich eingeengt: Anschaffung und Unterhalt, Steuer und Versicherung, dazu die Zeit fürs Reinigen und Pflegen. Vor einigen Jahren hatte er zudem eine Garage gebaut; dafür musste das Rosenbeet verschwinden. Schade eigentlich. Aber das kam ganz auto-matisch so. Max verbuchte es unter den Kosten der Auto-nomie. Schließlich wollte er frei sein, zu fahren, wann und wohin er wollte. Dafür musste er ein paar Nachteile schon in Kauf nehmen. Musste er?

Heute geht's Max schon deutlich besser. In einem Kursus teilgenommen. Thema: Freiheit für den Samstag nachmittag! Einst schlug um diese Zeit die Stunde der Auto-Pflege. Eine Art unpolitisches Volksbegehren, traf man doch auch die meisten Nachbarn auto-schrubbend auf Hof und Straße. Jetzt trifft Max seine Freunde samstags beim Baden, im Biergarten oder im Verein. Den Freiheitskurs für den fortgeschrittenen Auto-Fahrer hat er weiterempfohlen: Stadtteilauto München. CarSharing.

Kursleiter ist der Gründer von Stadtteilauto, der Münchner Walter Ernst. Als der vor bald zehn Jahren in Neuperlach-Zentrum den ersten Standort seines Umweltprojektes eröffnete, war Max noch stolzer Besitzer seines eigenen Autos. Schließlich wohnte er nicht in diesem Stadtteil. Heute gibt es Stadtteilauto aber auch am Hauptbahnhof, an Ostbahnhof und Kolumbusplatz, Isartor und Rosenheimer Platz. Immer in unmittelbarer Nähe des Münchner Nahverkehrs (MVV). In sicheren, sauberen Tiefgaragen. Damit fällt Max das Umsteigen leicht. Und er weiß, wo er sein Stadtteilauto findet, wenn er's wirklich braucht.

Angefangen hat alles mit einer Art Einschreibung. Nachdem Herr Ernst seinem Namen alle Ehre tat und eingehend prüfte, ob Max mit dem eigenen Auto nicht doch wirtschaftlicher fährt, haben beide einen Vertrag geschlossen. Max hinterlegte eine Kaution, die er bei Austritt aus der Car-Sharer-Familie wieder bekommt. (Von den Tausendern, die Max früher beim Auto-Händler hinterlegte, sah er schon nach ein paar Jahren nicht mehr die Hälfte wieder!) Jetzt kostet ihn das Auto-Fahren nur noch 6 Euro Monatsbeitrag und eine Nutzungsgebühr für gefahrene Zeit und Strecke. Seine Frau darf als sogenanntes "Anschlussmitglied" sogar noch günstiger ans Steuer. Walter Ernst ist da toleranter, als Max es im Umgang mit seinem eigenen "Heiligen Blechle" damals war. Und die Garage ist nach einem kleinen Umbau als Wintergarten rekultiviert.

An manchen auto-putzfreien Samstagen kommt Max nun ins Sinnieren. Vier private Autos werden nach den Berechnungen der Car-Sharer in Deutschland, pro Stadtteilauto eingespart. Da Car-Sharer ihre Fahrten ökonomischer planen, spart das zudem jährlich 28.000 Kilometer. Währen mehr Menschen so mobil, ihr eigenes Auto-Mobil durch Stadtteilauto zu ersetzen, könnte mancher Parkplatz bald nur noch Park oder auto-freier Platz sein. Nicht zu vergessen die Ressourcen, die jedes nicht gebaute Auto der Natur erhält. Max wird fast von Visionen heimgesucht: Ganz München ein wahrhaft Englischer Garten. Der würde Max gar nicht aus München rauswollen. Schon wieder eine Menge Kilometer eingespart.

Langsam werden Max' Albträume seltener. Er hat sich befreit. Mit mehr als 90-prozentiger Sicherheit hat er sein Stadtteilauto, rund um die Uhr, wann immer er es braucht. Die größte Freiheit aber verspürt er, wenn er es nicht braucht. Da drückt kein Auto-Versicherer, da mahnt kein Finanzamt. Luxus, nennt Max das. Er entwickelt so etwas wie einen Ökostolz, dass er die Auto-matik des Auto-haben-müssens in der Gesellschaft überlistet hat. Selbst bestimmt er, wie er wo hinkommt. Und er kommt hin. Immer. Mit Leichtigkeit.

 

 

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